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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in der vorigen Woche haben wir uns mit dem Wort Deal beschäftigt, das Denglisch-Sprecher lieben. Heute Woche geht es um die Bezeichnung für das deutsch-englische Sprachgemisch, über das sich mittlerweile mehr als 130 Bücher lustig machen – ohne irgendwas dagegen ausrichten zu können. Das Wort Denglisch existiert seit mehr als 50 Jahren und hat lustigerweise ein französiches Vorbild.

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Denglisch
Zitate
„Die Lehren vom ersten Tag im Dschungelcamp Wer Zahnspange trägt,
wer Denglisch-Meister ist“ (BILD, 12. Januar)
 
„Sie müssten da "halt so Sachen schreien". Sachen wie ,I’m hilty. Das heißt, dass man wundervoll ist“, so Denglisch-Expertin-Evelyn fachmännisch.“ (Stern, 14. Januar)
 
„Zur 13. Staffel sind zwölf Stars nach Down Under gereist. Die Twitter-Community freut sich schon über die Denglisch-Gehversuche der Sternchen.“ (MAZ, 12. Januar)
 
Bedeutung
„Mischung aus Deutsch und Englisch“ (Duden)
 
Herkunft und Wortgeschichte
Wer je mit Schweizer Führungspersonal zu tun hatte, den überrascht nicht, dass das Wort Denglisch in unserem Nachbarland erfunden wurde.  Walter Heuer veröffentlichte am 12. Mai 1968 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine Sprachglosse mit dem Titel der Glosse: „Sprechen Sie Denglisch?« Es ist der älteste Beleg für dieses mittlerweile allgemein bekannte Schreckwort, bei dessen bloßer Nennung sich Puristen die Nackenhaare sträuben.
 
Sehr wahrscheinlich hat Heuer den Ausdruck Denglisch sogar erfunden. Der Chefkorrektor der „Neuen Zürcher Zeitung“ deutet selbst an, dass er Denglisch nach französischem Vorbild geprägt habe. In Paris habe die „Bedrohung“ durch das Englische bereits ein warnendes Buch hervorgebracht, das „Parlez-vous franglais?“ heiße. Sein Kolumnentitel sei also eigentlich ein Plagiat, schreibt Heuer. Das ist übertriebene Bescheidenheit: Denglisch war eine ziemlich geniale Lehnübersetzung des französischen franglais.
 
Das Wort und sein Gegenstand müssen damals geradezu in der Luft  gelegen haben. 1972 erschien in der Zeitschrift  „Sprachspiegel“ des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache ein Aufsatz, der dazu aufrief: „Nehmen wir das ,Denglisch‘ so aufs Korn wie die Französischsprachigen das ,Franglais‘ bekämpfen.“
 
Ich selbst habe das Wort Denglisch zum ersten Mal in den Neunzigerjahren gehört: als die amerikanische Unterhaltungskünstlerin Gayle Tufts anfing, ihr deutsch-englisches Sprachgemisch als Stilmittel bei Shows in Berlin einzusetzen. Als literarisch-komödiantisches Verfahren hatte der Schriftsteller Werner Lansburgh ein ähnliches Sprachenmischmasch schon 1977 in seinem Roman „Dear Doosie“ fruchtbar gemacht. In den Rezensionen wurde das dann auch schon gelegentlich als Denglisch bezeichnet.
 
Doch so richtig bekannt wurde der Begriff  erst dank Gayle Tufts . Die Berliner Stadtzeitung „Zitty“ fragte die Sängerin 1997 zur Einleitung eines Gesprächs: „Wie wollen wir das Interview führen: auf Deutsch, Englisch oder Denglisch?“ Tufts antwortete: „Denglisch natürlich. Denglisch, das ist so halbes Deutsch, halbes English – and basically what most Americans speak for die erste Zeit that sie wohnen hier in Berlin.“ Als Berliner muss ich leider sagen: Mittlerweile sprechen Sie noch nicht einmal mehr Denglisch. Viel Aufsehen erregten vor ein paar Jahren Berichte über Cafés und Bars wie  „The Barn“ in Prenzlauer Berg, wo die Bedienungen nur Englisch beherrschen und Bestellungen auf Deutsch nicht einmal akzeptieren könnten, wenn sie es wollten.

Vermehrt aufgetreten ist das sprachliche Phänomen Denglisch seit den Achtzigerjahren, zunächst in der Werbesprache, dann im Internetjargon und in der Sprache der Geschäftswelt und der Medien, wo es offenbar zu den unerlässlichen „management skills“ gehört.
 
Mein Lieblingsbeispiel ist ein englischsprachiger Beitrag in der „Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen“ von 1978, in dem die Sprache innerhalb des deutschen Bankenwesens mit dem Blick eines amüsierten Ethnologen beschrieben wird: „Sometimes the explanations have had to be written in a mixture of German and English, a kind of Denglisch used by German bankers even when they talk to each other.“ Zunächst konkurriert Denglisch aber – wie man einer Mitteilung des Germanistenverbandes von 1983 entnimmt – noch mit gleichbedeutenden Ausdrücken wie Angeldeutsch, Amideutsch, Engleutsch, Deunglisch und Gerglisch. Doch in den Neunzigerjahren setzt es sich durch.
 
Der Kampf gegen das Denglische hat mittlerweile fast genauso viel Blödsinn hervorgebracht wie das Denglische selbst. Amazon zählt 132 Bücher, die den Ausdruck im Titel führen oder sich damit beschäftigen – selten sachlich, meist kritisch, besonders häufig humoristisch – mit Witzen, die sich ermüdend ähneln. Von Gayle Tufts hört man unterdessen nicht mehr viel. Die Konkurrenz auf dem Denglisch-Humorsektor ist zu groß geworden und die Witzware durch Massenproduktion entwertet.
 
Bei diesem Text handelt es sich um einen gekürzten Auszug meines Buches „Seit wann hat ,geil’ nichts mehr mit Sex zu tun?“, das im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist.
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andere Saiten aufziehen
Die Redensart mit der Bedeutung "seine Vorgehensweise gegenüber Menschen ändern/einen anderen Ton anschlagen" existiert seit dem 16. Jahrhundert in etwas anderen Varianten. In der Zimmerischen Chronik heißt es um 1550: "Und wurden dem pfaffen die Saiten wol gespannen." Das heißt: Es ging nun strenger zu. In dem Roman "Die galante und liebenswürdige Salinde" steht 1713, dass jemand "gelindere Saiten" aufzog.
Aus dem Tamilischen: Curry
Als Bezeichnung für ein Gericht mit einer speziell gewürzten Zubereitung wird das Wort schon Ende des 16. Jahrhunderts ins Englische entlehnt - zunächst nur in Reiseliteratur. Es geht zurück auf das tamliische kari "Tunke" oder das im Kannada (einer südindischen Sprache, die wie das Tamil zur dravidischen Sprachfamilie gehört) verwendete kariil. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangt das Wort ins Deutsche. Hierzulande bezeichnet man damit auch Currypulver, das in Indien unbekannt ist.
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Was bitte ist ein Häusler, Herr Brecht?
Scheinehe im Dreißigjährigen Krieg. In Bertolt Brechts Kalendergeschichte "Der Augsburger Kreidekreis" braucht eine Magd, die ein fremdes Kind gerettet und bei sich behalten hat, einen Ehemann. Dieser wird gefunden: "Es war ein todkranker Häusler, der kaum den ausgemergelten Kopf vom schmierigen Laken heben konnte, als die beiden in seiner niedrigen Hütte standen." Das Grimmsche Wörterbuch definiert Häusler: "einwohner eines dorfes, der nur ein haus, kein feld dazu besitzt, entgegengesetzt dem gutsbesitzer". Im 20. Jahrhundert haben es auch noch Martin Walser und Erwin Strittmatter benutzt. Synonyme in Dialekten sind: Häuselmann, Eigenkätner, Kathenleute, Büdner.
 
Wie in Deutschland die Pornografie erfunden wurde
In dieser Woche ist von mir ein kulturhistorischer Artikel erschienen. Der enthält aber auch Neues zur Geschichte eines interessanten Wortes.

Gut zwei Dutzend Experten haben sich mit der Pornografie der Goethezeit beschäftigt (ja, sowas gab es). Dabei ist auch herausgekommen, wer das Wort Pornografie zum ersten Mal benutzte. (WELTplus)

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Und dann habe ich eine Liste von Wörtern zusammengestellt, die früher etwas ganz anderes bedeuteten – oft noch vor 100 Jahren.

Dass Feminismus mal eine Drüsenkrankheit war, wissen aufmerksame Leser meiner Artikel und Bücher. Aber dass ein Russe ein Flickschuster war? Oder was Patriarchat, Rauchwaren, Plattenbau früher bedeuteten? Werden auch Sie schlauer!

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